STADTGESPRÄCHE - DER TALK OF THE TOWN 

Folkert Bowler hat sein Verkaufsziel erreicht. 100.000 Packungen Zahnstocher, der Mann darf aus dem Glaskasten. Die Biber an der Innerste müssen dagegen künftig damit rechnen, dass ihr Holz nach Chili schmeckt.

Es war eine lehrreiche Woche für alle, die bisher dachten, Holz sei Holz.

Der Einkauf als Befreiungsaktion

Man muss die Idee erst einmal haben: sich in einen Glaskasten im Marktkauf setzen und den eigenen Auszug an den Verkauf von Zahnstochern knüpfen. Wer dann eine Packung kauft, nimmt gefühlt an einer Rettungsaktion teil. Dabei hat jemand freiwillig seinen Arbeitsplatz ins Schaufenster verlegt.

Das ist ziemlich geschickt. Eine Verkaufszahl bekommt ein Gesicht, der Einkauf eine Mission. Am Ende geht es um Zahnstocher mit Geschmack, zwischendurch fühlt es sich an wie eine Gemeinschaftsaufgabe.

Wir haben ebenfalls darüber berichtet, Interviews geführt und Videos gezeigt. Die Redaktion war also Teil der Aufmerksamkeit, von der diese Aktion lebte. Das gehört zur ehrlichen Betrachtung dazu. Wer eine Werbeidee interessant findet, hilft beim Weitertragen. Auch mit Presseausweis.

Trotzdem darf man nach dem letzten verkauften Päckchen kurz fragen, wie viel Begeisterung eigentlich dem Produkt galt und wie viel dem Mann dahinter. Zahnzwischenräume allein hätten diesen Unterhaltungswert vermutlich schwer erreicht.

Für den nächsten Unternehmer liegt die Versuchung nahe: Vielleicht braucht es für einen erfolgreichen Verkauf künftig erst einmal ein Gehege.

An der Innerste wird zurückgewürzt

Der Biber kommt beim Holz ohne solche Maßnahmen aus. Er braucht keinen Livestream. Er nagt.

Damit beschäftigt er inzwischen auch die Stadtverwaltung. An 40 Bäumen an der Innerste werden Schutzmaßnahmen erprobt, darunter Anstriche mit Chili und Quarzsand sowie Draht um die Stämme. Ehrenamtliche und die "scharfe Drogenhilfe" helfen mit.

Während im Marktkauf Holz durch Geschmack attraktiver wurde, soll es an der Innerste durch Geschmack unattraktiver werden. Die Produktentwicklung arbeitet in beide Richtungen.

Der Biber dürfte wenig Verständnis dafür haben. Da steht sein Essen, und plötzlich hat jemand ungefragt nachgewürzt.

Hinter der kuriosen Methode steckt ein ernstes Problem: Beschädigte Bäume können an Wegen gefährlich werden. Die Stadt muss handeln. Trotzdem zeigt die Sache recht anschaulich, wie das mit unserer Liebe zur Natur funktioniert. Wir freuen uns über ihre Rückkehr. Sobald sie anfängt, selbstständig am Stadtbild zu arbeiten, entstehen Abstimmungsbedarf und Materialkosten.

Immerhin wird hier versucht, Mensch und Tier miteinander auszuhalten. Ein Baum mit Draht um den Bauch ist ein etwas umständliches Friedensangebot. Aber womöglich versteht der Biber es.  Komisch nur, der Mensch versucht wie ein Biber an Holz zu nagen und der Biber soll nun wie der Mensch in den Einkaufsmarkt gehen? Kann das überhaupt klappen?

Eine Frage des Geschmacks

So unterschiedlich können die Interessen beim selben Rohstoff sein. Die einen sollen möglichst viel aromatisiertes Holz kaufen. Die anderen sollen möglichst wenig davon fressen. Dazwischen stehen Menschen mit Kameras oder Pinseln und versuchen, das gewünschte Verhalten herbeizuführen.

Der Biber hat dabei den Vorteil, dass ihm Verkaufszahlen ziemlich egal sein dürften. Er muss keine 100.000 Packungen schaffen. Ihm reicht erst einmal der nächste Baum.

Vielleicht lassen wir ihn deshalb besser aus der nächsten Marketingaktion heraus. Ein Biber im Glaskasten, der erst nach 100.000 verkauften Zahnstochern gehen darf, wäre zwar naheliegend. Aber sobald der Kasten einen Holzrahmen hat, könnte die Aktion schneller vorbei sein als geplant. Aber geben wir ihm erst einmal einen der Berühmt gewordenen Zahnstocher, vielleicht kommt er ja auf den Geschmack.