Wo früher ein Adelssitz und später ein Mädchenpensionat standen, sollen ab Mitte 2029 wieder ältere Menschen wohnen. Die Diakonischen Wohnheime Himmelsthür planen im ehemaligen Michaelisheim 39 Wohnplätze und eine Tagesstätte. Die Geschichte des Standorts reicht mehr als 500 Jahre zurück.
Eine Treppe mit schmiedeeisernem Geländer überstand die Zerstörung. Das Fachwerkhaus, zu dem sie gehörte, ging beim Luftangriff auf Hildesheim am 22. März 1945 verloren. Wer sich mit der Geschichte des Michaelisheims beschäftigt, stößt auf solche Brüche: auf ein zerstörtes Wohnhaus, einen Neubeginn als Damenstift und ein Pflegeheim, dessen Bewohner schließlich umziehen mussten. Nun soll am Langen Hagen erneut ein Zuhause für ältere Menschen entstehen.
Die Diakonischen Wohnheime Himmelsthür wollen den Gebäudekomplex neben der Michaeliskirche grundlegend sanieren und teilweise neu bauen. Vorgesehen sind Wohnplätze für 39 Menschen mit Unterstützungsbedarf sowie eine Tagesstätte für bis zu 30 Senioren. Fast alle künftigen Bewohner leben nach Angaben des Trägers derzeit im Stadtteil Himmelsthür. Mit zunehmendem Alter benötigen sie eine Umgebung, die ihren veränderten Bedürfnissen entspricht.
Ein Adelssitz am Langen Hagen
Lange bevor es das Michaelisheim gab, stand an der Adresse Langer Hagen 39 ein Fachwerkhaus der Familie von Rautenberg. Der Architekturhistoriker Adolf Zeller verzeichnete das Gebäude in seinem 1912 erschienenen Werk über Hildesheims bürgerliche Bauten mit dem Baujahr 1509.
Der Vorgängerbau hatte im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Aufgaben. Eine von Karin Wolze verfasste Hausgeschichte, veröffentlicht 2019 im Stadtteilanzeiger „Ost-Innenstädter“, beschreibt ihn als Stadtsitz Landadeliger und später als Mädchenpensionat. Damit war der Standort schon lange vor seiner Nutzung als Altenheim ein Wohnort für Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen.
Mit dem Bombenangriff vom 22. März 1945 endete diese Baugeschichte. Nach Wolzes Darstellung blieb vom zerstörten Haus lediglich die Treppe mit dem Geländer erhalten. Das spätere Michaelisheim entstand erst nach dem Krieg.
Eine ungewöhnliche Episode überliefert eine weitere Veröffentlichung aus dem Quartier: An der Außentreppe sollen in den 1930er-Jahren Filmaufnahmen mit dem Schauspieler Heinrich George entstanden sein. Darüber berichtete der „Ost-Innenstädter“ im Oktober 2020. Einen Filmtitel nennt der Beitrag allerdings nicht.
1953 eröffnete das Wohnstift für ältere Frauen
Der Neubeginn folgte 1953. Die Michaelisgemeinde eröffnete das Michaelisheim als Wohnstift für alleinstehende ältere Frauen. Während in der Nachbarschaft noch an der kriegszerstörten Michaeliskirche gearbeitet wurde, erhielt der Standort damit eine soziale Aufgabe, die ihn über Jahrzehnte prägen sollte.
Aus dem Wohnstift entwickelte sich ein Alten- und Pflegeheim. Das Kirchengemeindelexikon der hannoverschen Landeskirche nennt eine Erweiterung im Jahr 1978 und beschreibt die Nutzung als Alten- und Pflegeheim nach einem Um- und Erweiterungsbau seit Anfang der 1980er-Jahre. Im Jahr 2004 ging die Trägerschaft an die Diakonie Leine-Innerste über.
Das Haus war auch ein Treffpunkt im Viertel. Als im September 2014 das 60-jährige Bestehen nachgefeiert werden sollte, lud das Michaelisheim die Nachbarschaft zu einer Kaffeetafel, Musik und Führungen ein. Beschäftigte und Bewohner bereiteten das Fest gemeinsam mit Menschen aus dem Quartier vor. Auch der von der Straße aus nicht einsehbare Garten gehörte zum Festgelände.
Warum das Pflegeheim schließen musste
2020 kam das Ende des bisherigen Betriebs. Die Diakonie Leine-Innerste war in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten; für die Einrichtungen Am Steinberg in Hildesheim und St. Elisabeth in Alfeld waren Insolvenzanträge notwendig geworden. Die Diakonie Himmelsthür bereitete gemeinsam mit Bethel im Norden die Übernahme mehrerer Altenhilfeangebote vor.
Für das Michaelisheim gab es nach damaliger Darstellung der Diakonie zusätzlich ein bauliches Problem: Wegen des Gebäudezustands und der Anforderungen an den Brandschutz könne das Pflegeheim am bisherigen Standort nicht fortgeführt werden. Bewohnern und Beschäftigten wurde ein Wechsel zum Altenheim Am Steinberg angeboten. Bereits damals beriet die Diakonie mit der Michaelisgemeinde über eine andere diakonische Nutzung am Langen Hagen.
Im September 2020 berichtete das Magazin der Diakonie schließlich über die vollzogene Zusammenführung beider Häuser. Für das Michaelisheim begann damit die Zeit ohne den bisherigen Pflegebetrieb.
Zwei Häuser bleiben, der Zwischenbau wird ersetzt
Die jetzt vorgestellten Pläne sehen erhebliche Eingriffe in den Gebäudekomplex vor. Das Haupthaus am Langen Hagen 39 und das Nebenhaus mit der Nummer 41 sollen saniert werden. Der Zwischenbau am Michaelisplatz 11 soll einem Neubau weichen. Insgesamt rechnet der Träger mit Investitionen im siebenstelligen Bereich. Eine genaue Summe nennt die Mitteilung nicht.
Geplant sind sieben Wohngemeinschaften unterschiedlicher Größe sowie 18 Einzelapartments in dem inzwischen von der Diakonische Wohnheime gekauften Gebäudes. Im Haupthaus soll die Tagesstätte entstehen. Ihre Räume sollen außerhalb der regulären Nutzungszeiten auch für Freizeitangebote und Begegnungen im Quartier zur Verfügung stehen.
Die unmittelbare Nachbarschaft zur Welterbestätte St. Michaelis stellt nach Angaben des Trägers besondere Anforderungen an die Planung. Zugleich ist die Lage im Stadtviertel ein wesentlicher Bestandteil des Wohnkonzepts: Die künftigen Bewohner sollen Kontakte in der Nachbarschaft pflegen und am städtischen Leben teilnehmen können.
„Das Michaelisquartier ist deshalb für uns weit mehr als ein neuer Standort. Es ist die Chance auf Teilhabe mitten in Hildesheim“, sagt Geschäftsführer Carsten Wirges.
Die Bauarbeiten sollen im zweiten oder dritten Quartal 2027 beginnen. Für Mitte 2029 ist der Einzug vorgesehen. Dann würde das Michaelisheim mehr als sieben Jahrzehnte nach seiner Eröffnung als Damenstift wieder ältere Menschen aufnehmen – in Wohnungen und Wohngemeinschaften, die auf ihren heutigen Unterstützungsbedarf zugeschnitten werden sollen.

