Mit TEDi verschwindet der nächste Händler aus der Hildesheimer Innenstadt. Zurück bleibt eine große Verkaufsfläche – und eine Frage, die am Sonntag mit in die Wahlkabinen gehört: Kann der neue Stadtrat den schleichenden Bedeutungsverlust des Zentrums aufhalten? Ein Rundgang durch eine Innenstadt, die noch lebt, aber immer deutlicher unter Druck gerät.

Wer an einem gewöhnlichen Vormittag durch die Hildesheimer Innenstadt geht, erlebt zunächst kein ausgestorbenes Zentrum. Vor den Cafés sitzen Menschen, Bäckereien verkaufen belegte Brötchen, Fahrräder lehnen an den Hauswänden. Einkaufstaschen werden durch die Fußgängerzone getragen, Lieferwagen halten vor den Geschäften, Gespräche vermischen sich mit dem Geräusch der Stadt.

Hildesheims Innenstadt lebt.

Doch wer langsamer geht und genauer hinschaut, entdeckt die Lücken.

Zwischen geöffneten Geschäften tauchen dunkle Schaufenster auf. Hinter manchen Scheiben stehen keine Waren mehr, sondern nur noch leere Regale, alte Aufkleber oder der Hinweis auf eine mögliche Vermietung. Wo früher Menschen ein- und ausgingen, bleiben heute Türen geschlossen.

Mit TEDi verschwindet nun der nächste Händler aus dem Zentrum. Das Unternehmen gibt seine große Filiale im früheren Kaufhof-Gebäude auf. Damit geht nicht nur ein weiteres Geschäft verloren. Zurück bleibt erneut eine bedeutende Verkaufsfläche, für die erst einmal eine neue Nutzung gefunden werden muss.

Während die letzten Waren verschwinden, bleibt eine Frage zurück: Wird die Hildesheimer Innenstadt Geschäft für Geschäft leerer?

Leerstand bleibt selten allein

Ein geschlossenes Geschäft ist mehr als eine dunkle Tür. Jeder Leerstand verändert seine Umgebung.

Wo ein großer Händler verschwindet, fehlt ein Ziel, das Menschen bewusst in diesen Teil der Innenstadt führt. Dadurch sinkt auch die Laufkundschaft für benachbarte Geschäfte, Bäckereien und Gastronomiebetriebe. Aus einem einzelnen Leerstand kann so ein Problem für einen ganzen Straßenzug werden.

Die Gefahr liegt nicht in einer einzigen Schließung. Sie liegt in der möglichen Kettenreaktion.

Weniger Geschäfte bedeuten weniger Gründe für einen Besuch. Weniger Besucher machen den Standort für neue Händler unattraktiver. Bleiben große Flächen lange ungenutzt, gewöhnen sich die Menschen irgendwann daran, dass hinter den Schaufenstern nichts mehr passiert.

Leerstand wird dann vom Warnsignal zum Normalzustand.

Hildesheim steht mit dieser Entwicklung nicht allein. Innenstädte in ganz Deutschland kämpfen mit dem veränderten Einkaufsverhalten. Was früher selbstverständlich vor Ort gekauft wurde, landet heute mit wenigen Klicks im digitalen Warenkorb. Große Warenhäuser verschwinden, Handelsketten prüfen ihre Filialnetze und kleinere Geschäfte leiden unter steigenden Kosten, Fachkräftemangel und einer zurückhaltenden Kundschaft.

Das erklärt vieles. Als Entschuldigung dafür, die Entwicklung einfach hinzunehmen, reicht es jedoch nicht.

Die Innenstadt der Zukunft ist kein Kaufhaus

Der Weg führt weiter vorbei an Restaurants, kleinen Läden, Dienstleistern und Plätzen, auf denen durchaus Menschen unterwegs sind. Genau darin liegt die Chance: Die Hildesheimer Innenstadt ist noch nicht leer. Sie besitzt weiterhin Angebote, Sehenswürdigkeiten und Orte, an denen Menschen gerne zusammenkommen.

Die Vorstellung, jedes größere Gebäude wieder mit einer Handelskette füllen zu können, dürfte trotzdem kaum realistisch sein. Das Einkaufsverhalten hat sich dauerhaft verändert. Die Innenstadt der Zukunft kann deshalb nicht einfach eine Kopie der Vergangenheit werden.

Sie braucht eine neue Aufgabe.

Leer stehende Gebäude könnten teilweise zu Wohnungen, Praxen, Bildungsorten, Büros oder Kulturflächen werden. Große Verkaufsbereiche könnten geteilt werden, damit kleinere Händler, Handwerksbetriebe oder junge Unternehmen sie überhaupt bezahlen und sinnvoll nutzen können.

Eine lebendige Innenstadt braucht weiterhin Geschäfte. Aber sie darf nicht mehr ausschließlich davon abhängig sein.

Menschen kommen nicht ins Zentrum, weil dort Gebäude stehen. Sie kommen, weil sie etwas erledigen, erleben oder gemeinsam Zeit verbringen können. Dafür braucht es Gastronomie, Kultur und Freizeitangebote ebenso wie saubere Plätze, sichere Wege, erreichbare Parkmöglichkeiten und einen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr.

Und es braucht Räume, an denen sich Menschen aufhalten können, ohne sofort etwas kaufen zu müssen.

Wenn die Innenstadt am Abend leiser wird

Während am Vormittag Einkäufe und Termine für Bewegung sorgen, stellt sich am Abend eine andere Frage: Was hält die Menschen dann noch im Zentrum?

Veranstaltungen könnten Plätze füllen, Besucher in die Innenstadt bringen und zugleich Gastronomie sowie Handel stärken. Doch Veranstalter erleben immer wieder, dass Musik am späteren Abend deutlich leiser werden oder ganz enden muss.

Dahinter stehen Vorgaben zum Schutz der Nachtruhe und der Anwohner. Eine pauschale Verpflichtung, jede Veranstaltung zu einer bestimmten Uhrzeit zu beenden, gibt es dadurch jedoch nicht. Abhängig vom Ort, der Art der Veranstaltung und der erwarteten Lärmbelastung sind Ausnahmen und individuelle Auflagen möglich.

Der Stadtrat kann gesetzliche Lärmschutzvorgaben nicht außer Kraft setzen. Über einzelne Genehmigungen entscheidet außerdem die zuständige Verwaltung. Die Politik kann aber beeinflussen, welche Voraussetzungen Veranstalter in Hildesheim vorfinden.

Sie kann geeignete Flächen entwickeln, Geld für Lärmschutz und Veranstaltungstechnik bereitstellen, Genehmigungsabläufe überprüfen lassen und ein Konzept verlangen, das die Interessen der Anwohner mit einer belebten Innenstadt verbindet.

Es geht nicht darum, den Lärmschutz abzuschaffen. Es geht um die Frage, ob Hildesheim seine Möglichkeiten nutzt – oder ob Veranstaltungen unnötig eingeschränkt werden, weil geeignete Orte, technische Lösungen und klare Konzepte fehlen.

Was kann der neue Stadtrat wirklich verändern?

Am Sonntag wählen die Hildesheimerinnen und Hildesheimer einen neuen Stadtrat. Seine Zusammensetzung wird mitentscheiden, welchen Stellenwert die Innenstadt in den kommenden fünf Jahren erhält.

Die Erwartungen sollten dabei realistisch bleiben.

Der Stadtrat kann einem privaten Eigentümer nicht vorschreiben, welches Geschäft er in sein Gebäude holen soll. Er kann keine Handelskette dazu zwingen, eine unrentable Filiale weiterzuführen. Auch die Konkurrenz des Onlinehandels oder die Höhe privater Gewerbemieten lassen sich nicht durch einen politischen Beschluss beseitigen.

Doch machtlos ist die Kommunalpolitik deshalb nicht.

Der neue Rat kann dafür sorgen, dass Leerstände systematisch erfasst und Eigentümer aktiv angesprochen werden. Er kann Zwischennutzungen erleichtern, Gründer unterstützen, Genehmigungsverfahren beschleunigen und öffentliche Räume attraktiver gestalten.

Er kann außerdem die entscheidende Frage stellen, ob eine leer stehende Verkaufsfläche um jeden Preis wieder ein Geschäft werden muss. Vielleicht liegt die Zukunft mancher Gebäude gerade darin, Handel, Wohnen, Dienstleistungen, Gastronomie und Kultur miteinander zu verbinden.

Die Politik kann die Innenstadt nicht allein retten. Sie entscheidet aber mit darüber, ob neue Ideen eine Chance bekommen oder in jahrelangen Verfahren stecken bleiben.

Auch Eigentümer und Kunden tragen Verantwortung

An einem Schaufenster hängt ein Vermietungshinweis. Dahinter befindet sich eine Fläche, die womöglich zu groß, zu teuer oder für heutige Konzepte ungeeignet ist. Genau hier endet der Einfluss des Rathauses teilweise.

Immobilieneigentümer müssen sich fragen lassen, ob ihre Preisvorstellungen noch zur wirtschaftlichen Realität passen. Große, über mehrere Etagen verteilte Verkaufsflächen lassen sich heute wesentlich schwerer vermieten als vor einigen Jahrzehnten. Ohne Umbauten oder eine Aufteilung fehlen häufig geeignete Interessenten.

Auch große Unternehmen treffen ihre Entscheidungen selten mit Blick auf die Wünsche einer einzelnen Stadt. Wenn Handelsketten Standorte überprüfen, zusammenlegen oder aufgeben, fällt die Entscheidung oft weit entfernt von Hildesheim.

Und dann sind da noch die Kunden.

Wer persönliche Beratung, inhabergeführte Geschäfte und lokale Angebote erhalten möchte, kann nicht gleichzeitig fast jeden Einkauf ins Internet verlagern. Doch allein den Verbrauchern die Verantwortung zuzuschieben, wäre ebenfalls zu einfach.

Menschen kaufen dort ein, wo Angebot, Preis, Erreichbarkeit und Aufenthaltsqualität stimmen. Die Innenstadt muss überzeugende Gründe liefern, warum sich der Weg dorthin lohnt.

Welche Innenstadt will Hildesheim sein?

Am Ende des Rundgangs bleibt deshalb nicht nur die Frage, welches Geschäft als Nächstes in eine leer stehende Fläche einzieht. Die größere Frage lautet: Welche Innenstadt will Hildesheim in zehn Jahren haben?

Soll sie weiterhin hauptsächlich Einkaufsstandort sein? Soll mehr Wohnraum entstehen? Können große Flächen für kleinere Betriebe geteilt werden? Braucht es mehr Kultur, Angebote für Familien, Räume für Jugendliche oder Platz für neue Unternehmen? Wo können Veranstaltungen stattfinden, die auch am Abend Menschen in die Stadt ziehen? Und wie viel Geld ist Hildesheim bereit, dafür einzusetzen?

Auf diese Fragen braucht die Stadt mehr als allgemeine Wahlversprechen.

Der neue Stadtrat wird den Onlinehandel nicht zurückdrehen und keine Kaufhäuser aus dem Boden stampfen können. Er kann aber verhindern, dass Entscheidungen jahrelang vertagt werden und sich Leerstand verfestigt.

Dafür braucht es konkrete Ziele: Welche Flächen sollen entwickelt werden? Welche Nutzungen sind dort möglich? Wer spricht mit den Eigentümern? Welche Unterstützung erhalten Gründer und Veranstalter? Und woran lässt sich erkennen, ob die Maßnahmen tatsächlich wirken?

Noch lebt die Innenstadt

Wer die Fußgängerzone wieder verlässt, nimmt zwei Eindrücke mit.

Da ist auf der einen Seite eine Innenstadt, die noch immer funktioniert: mit vollen Cafés, inhabergeführten Geschäften, Gastronomie, Veranstaltungen, Sehenswürdigkeiten und Plätzen mit großem Potenzial.

Auf der anderen Seite stehen die dunklen Schaufenster. Jedes einzelne erinnert daran, wie schnell ein vertrauter Teil der Stadt verschwinden kann.

Die Schließung von TEDi ist deshalb mehr als eine gewöhnliche Veränderung im Einzelhandel. Sie ist ein weiteres Warnsignal.

Ob Hildesheims Innenstadt wieder stärker belebt werden kann, entscheidet sich nicht allein am Sonntag. Politik, Verwaltung, Eigentümer, Unternehmen, Veranstalter und Kunden tragen gemeinsam Verantwortung.

Der neue Stadtrat wird das Problem nicht im Alleingang lösen. Er muss aber zeigen, ob er die Entwicklung aktiv gestalten will – oder lediglich zusieht, wie eine Verkaufsfläche nach der anderen dunkel wird.

Eine Innenstadt verschwindet nicht über Nacht. Sie verliert ihre Bedeutung schleichend: mit jedem Geschäft, das schließt, jedem Abend, an dem die Plätze leer bleiben, jeder notwendigen Veränderung, die ausbleibt, und jedem dunklen Schaufenster, an dessen Anblick sich die Menschen irgendwann gewöhnen.