Demokratie zeigt sich nicht nur bei Wahlen oder in Parlamenten. Sie beginnt im Alltag, im Gespräch und bei der Frage, ob Menschen tatsächlich an Entscheidungen beteiligt werden. Die dritte Meile der Demokratie brachte am Samstag zahlreiche Vereine, Initiativen und interessierte Besucher in der Hildesheimer Innenstadt zusammen.
Was ist Demokratie – und wo fängt sie an? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Für manche beginnt sie mit dem Gang zur Wahlurne. Andere wünschen sich mehr direkte Beteiligung durch Volksentscheide. Wieder andere sehen ihren Anfang bereits im Klassenzimmer, wenn Kinder erfahren, dass ihre Meinung gehört und bei einer Entscheidung berücksichtigt wird.
Wie unterschiedlich Demokratie verstanden und gelebt werden kann, zeigte am Samstag die dritte Hildesheimer Meile der Demokratie. Zwischen Almstraße und Hohem Weg stellten verschiedene Vereine, Organisationen und Initiativen ihre Arbeit vor. Unter anderem beteiligten sich Radio Tonkuhle, die Caritas und Greenpeace an der Veranstaltung.
Über den gesamten Tag hinweg informierten sich zahlreiche Besucher an den Ständen, nahmen an Aktionen teil und kamen mit den Beteiligten ins Gespräch.
Hass und Rassismus symbolisch einen Korb geben
Dass die Auseinandersetzung mit Demokratie nicht nur aus politischen Reden und Informationsmaterial bestehen muss, zeigten die verschiedenen Mitmachangebote. Beim Dosenwerfen konnten Besucher unter anderem Hass und Rassismus symbolisch einen Korb geben.
Die Aktion vermittelte eine ernste Botschaft auf spielerische Weise: Demokratie beginnt dort, wo Menschen Ausgrenzung, Menschenfeindlichkeit und Rassismus nicht hinnehmen. Sie lebt davon, dass Bürgerinnen und Bürger Haltung zeigen – im Großen ebenso wie in alltäglichen Situationen.
Andere Stände informierten über gesellschaftliches Engagement, soziale Verantwortung, Umweltschutz und Möglichkeiten zur Beteiligung. Damit wurde deutlich, dass Demokratie nicht allein Aufgabe von Parteien und staatlichen Institutionen ist. Auch Vereine, Medien, soziale Einrichtungen und ehrenamtliche Initiativen tragen dazu bei, dass unterschiedliche Interessen sichtbar werden und Menschen miteinander ins Gespräch kommen.
Besucher wünschen sich mehr direkte Entscheidungen
Doch wie erleben die Menschen die Demokratie derzeit selbst? Besucher der Meile äußerten den Wunsch, dem Volk mehr unmittelbare Entscheidungsmöglichkeiten zu geben. Volksentscheide könnten aus ihrer Sicht dazu beitragen, Bürger stärker an politischen Weichenstellungen zu beteiligen.
Zugleich wurde Kritik am Verhalten der Parteien und an der Bildung politischer Mehrheiten geäußert. Demokratischen Parteien müsse die Möglichkeit gegeben werden, tatsächlich Politik zu gestalten. Es dürfe nicht lediglich darum gehen, durch Koalitionen die eigene Macht zu sichern oder den politischen Gegner von Entscheidungen fernzuhalten.
Dahinter steht eine grundlegende Frage: Reicht es aus, regelmäßig wählen zu dürfen, wenn Bürger anschließend den Eindruck bekommen, kaum noch Einfluss auf politische Entscheidungen zu besitzen?
Demokratie braucht Kompromisse und politische Mehrheiten. Gleichzeitig muss nachvollziehbar bleiben, wie Entscheidungen zustande kommen und welche inhaltlichen Ziele hinter einer Zusammenarbeit stehen. Entsteht der Eindruck, Parteien beschäftigten sich vor allem mit sich selbst und dem Erhalt ihrer Macht, wächst die Distanz zwischen Politik und Bevölkerung.
Demokratie beginnt bereits in der Schule
Am Nachmittag stellte sich Niedersachsens Europaministerin Melanie Walter den Fragen von Schülerinnen und Schülern. Im Gespräch ging es unter anderem darum, wie junge Menschen für Politik erreicht und an demokratischen Prozessen beteiligt werden können.
Walter betonte, dass junge Menschen in unterschiedlichen Formen angesprochen und in die Politik mitgenommen werden müssten. Wie früh demokratische Beteiligung beginnen kann, verdeutlichte sie mit einem Beispiel aus der Schule ihrer Tochter.
Dort seien die Kinder gefragt worden, ob sie während des Unterrichts Hausschuhe tragen wollten. Die Mehrheit habe sich dagegen ausgesprochen. Eingeführt worden seien die Hausschuhe anschließend trotzdem.
„So geht Demokratie auch nicht“, machte Walter deutlich.
Das Beispiel mag zunächst alltäglich erscheinen, berührt aber einen entscheidenden Punkt: Wer Menschen nach ihrer Meinung fragt, muss bereit sein, die Antwort ernst zu nehmen. Beteiligung darf nicht nur den Anschein von Mitbestimmung vermitteln, während die Entscheidung längst gefallen ist.
Gerade Kinder und Jugendliche lernen durch solche Erfahrungen, ob ihre Stimme tatsächlich zählt. Demokratie beginnt deshalb nicht erst mit dem Erreichen des Wahlalters. Sie kann bereits in der Familie, in der Schule, in Jugendvertretungen oder in Vereinen gelebt werden.
Politik muss zu den Menschen kommen
Für Melanie Walter ist es wichtig, auf die Menschen zuzugehen und das direkte Gespräch zu suchen. Gerade in einer Zeit, in der politische Auseinandersetzungen häufig über soziale Netzwerke geführt werden, bleibt die persönliche Begegnung von besonderer Bedeutung.
Bei einer Veranstaltung wie der Meile der Demokratie können Bürger Fragen stellen, Kritik äußern und ihre eigenen Erwartungen formulieren. Politiker wiederum erfahren unmittelbar, welche Themen die Menschen beschäftigen. Ein solches Gespräch ersetzt keine politische Entscheidung, kann aber Verständnis schaffen und Vertrauen stärken.
Demokratie bedeutet dabei nicht, dass am Ende alle derselben Meinung sein müssen. Sie setzt vielmehr voraus, dass unterschiedliche Positionen ausgesprochen werden können und die Beteiligten bereit sind, einander zuzuhören. Streit gehört zur Demokratie. Entscheidend ist, dass er sachlich geführt wird und die Würde des Gegenübers gewahrt bleibt.
Mehr als ein Gang zur Wahlurne
Die Hildesheimer Meile zeigte, wie viele Bereiche des täglichen Lebens mit Demokratie verbunden sind. Ein freies Radio, das unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen lässt, gehört ebenso dazu wie soziale Organisationen, die sich für Menschen in schwierigen Lebenslagen einsetzen. Auch der Einsatz für Umwelt- und Klimaschutz ist Teil einer Gesellschaft, in der Bürger öffentlich Forderungen stellen und politische Veränderungen anstoßen können.
Demokratie beginnt deshalb nicht nur im Wahllokal. Sie beginnt, wenn Menschen sich informieren, eine eigene Meinung bilden und diese äußern. Sie beginnt, wenn sie Verantwortung übernehmen, sich in einem Verein engagieren oder einer menschenfeindlichen Äußerung widersprechen.
Sie beginnt aber auch dort, wo Entscheidungsträger bereit sind zuzuhören und Beteiligung nicht nur versprechen, sondern tatsächlich zulassen.
Eine Aufgabe für jeden Tag
Am Ende bleibt die Frage: Was ist Demokratie – und wo fängt sie an?
Vielleicht beginnt sie genau dort, wo Menschen nicht darauf warten, dass andere handeln. Wo sie miteinander sprechen, auch wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Wo Kinder erleben, dass Abstimmungen Konsequenzen haben. Wo Bürger politische Entscheidungen hinterfragen und zugleich bereit sind, sich selbst einzubringen.
Die Meile der Demokratie lieferte darauf keine einzelne, abschließende Antwort. Sie zeigte vielmehr zahlreiche Möglichkeiten, Demokratie im Alltag mit Leben zu füllen. Die vielen interessierten Besucher und die Gespräche an den Ständen machten deutlich, dass das Bedürfnis nach Austausch und Beteiligung vorhanden ist.
Demokratie ist damit nicht nur eine Staatsform und auch kein Zustand, der einmal erreicht für immer bestehen bleibt. Sie ist eine gemeinsame Aufgabe – an der Wahlurne, im Parlament, im Klassenzimmer, im Verein und bei jeder Begegnung zwischen Menschen.
Kommentar: Demokratie braucht Freiheit – und Beteiligung
Demokratie bedeutet freie Wahlen. Sie bedeutet, seine Meinung frei äußern zu dürfen, eine unabhängige Presse und den verlässlichen Schutz der Grundrechte. Sie gibt den Menschen die Möglichkeit, politische Entscheidungen selbstbestimmt mitzugestalten. All das muss gegen diejenigen verteidigt werden, die diese Rechte und Freiheiten einschränken wollen.
Der Einsatz für Demokratie darf jedoch nicht in der Willkür Einzelner enden. Wer zur Verteidigung der Demokratie aufruft, kann nicht gleichzeitig anderen den Mund verbieten, nur weil ihm deren Meinung oder Parteizugehörigkeit nicht passt. Meinungsfreiheit gilt nicht nur für Ansichten, die man selbst teilt. Sie schließt den Widerspruch und die offene Auseinandersetzung ausdrücklich ein. Ihre Grenze liegt dort, wo Gesetze verletzt, Menschen bedroht oder ihre Würde und Rechte angegriffen werden.
Demokratische Mitbestimmung ist auch an diesem Sonntag gefragt. Bei den Stichwahlen in Stadt und Landkreis Hildesheim entscheiden die Wahlberechtigten darüber, wer künftig als Bürgermeister beziehungsweise Landrat Verantwortung übernimmt.
Nehmen Sie sich die Zeit und gehen Sie zur Wahl. Geben Sie Ihre Stimme ab und entscheiden Sie mit, wer künftig die politischen Geschicke vor Ort lenkt. Demokratie lebt nicht vom Zuschauen, sondern vom Mitmachen.
Lesen Sie hier noch einmal unser Interview mit Landratskandidat Christopher Gedeon. Auch Bernd Lynack hat Hilde-News Fragen zu seiner bisherigen Amtszeit und seinen politischen Zielen vorgelegt bekommen. Leider blieb die Anfrage unserer Redaktion bis heute unbeantwortet. Damit ließ Lynack die Möglichkeit ungenutzt, seine Standpunkte vor der Stichwahl ausführlich und transparent darzulegen. Gerade der offene Austausch mit freien Medien gehört zu einer lebendigen Demokratie.

